INHALT


Abschliessend lässt sich festhalten, dass Intimität in Bedingung zur individuellen Persönlichkeit steht. Die Intimsphäre definiert sich mit allen Dingen des »Ichs«, d.h. mit der Gefühls- und Gedankenwelt sowie der Harmonie zur eigenen Körperlichkeit (auch sexuelle, orale und anale Erfahrungen). Eingebunden in die Zwänge der Gemeinschaft, übernimmt der Mensch die moralischen Werte von »Sittlichkeit« und »Anstand« und versucht seine emotionalen und körperlichen Triebe den gesellschaftlichen Erwartungen unterzuordnen.

In Momenten der Unkontrolliertheit, z.B. bei Ungeschicklichkeit, bei Verletzung einer gesellschaftlichen Etikette, bei Exponiertheit oder Isolation beispielsweise durch Schadenfreude, stellen sich aus Gründen der Selbstreflexion Scham- (langfristige negative Selbstbewertung) und Peinlichkeitsgefühle (kurzfristiger, weniger intensiver Verlust der Selbstachtung, »Privatsphärensehen«, S.109) bei dem Menschen ein. Auf die durch ihn selbst verursachte Peinlichkeit reagiert der Betroffene oftmals mit einem »Wiedergutmachungs- bzw. Rehabilitationsbedürfnis« (»Privatsphärensehen«, S.110), also einer erhöhten Bereitschaft zur Hilfe und zum versöhnlichen Schmeicheln. Das Peinlichkeitsgefühl (z.B. Erröten) bleibt Anderen selten verborgen.

Im allgemeinen wird versucht, Emotionen in der Öffentlichkeit durch ein ausdrucksloses Gesicht zu maskieren (1), daher gelten Tränen und Erröten heutzutage als untrügliche Zeichen authentischer Gefühle, sie durchbrechen die Fassade der selbstinszenierten Körperkommunikation. Das Ausleben körperlicher und emotionaler Bedürfnisse scheint gegenwärtig zwar »erlaubt«, aber eben »nicht überall und zu jeder Zeit« (»Privatsphärensehen«, S.46). So dürfen Tränen auf öffentlichen Fernsehgalas kullern (ein »edles« Gefühl von Gerührtheit, der Anlass rechtfertigt die unkontrollierte Affekthandlung), aber Darmwinde in der U-Bahn stoßen auf wenig Verständnis in der Gesellschaft (der Pups als »gemeiner« Trieb, räumliche Beengung setzt die Mitfahrenden den geruchlichen Folgen des Fehlverhaltens aus).

Der Körper dient als visueller Spiegel der Persönlichkeit, der Identität. Der Mensch perfektioniert sein individuelles (körperliches) Selbst (2), gleicht es der Idealvorstellung vom Menschen in der Gesellschaft an, um deren Akzeptanz zu gewinnen (sozialer Lohn wie z.B. Bewunderung, Beachtung, Beliebtheit; Schönheit symbolisiert physische Gesundheit und Stärke). Dieses Idealbild verkörpert selbst auferlegte Werte der Gesellschaft: Hygiene, Gesundheit, einerseits »Geschlechtslosigkeit« und andererseits Potenz, Kultiviertheit, Zivilisiertheit, ein moralisch sensibler Charakter.

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[1] Fassade »Coolness« zum Selbstschutz und zur Demonstration von Kontrolle/Stärke = Anerkennung, Respekt von Aussen

[2] »In der Fluchtlinie der Mobilmachung wird schließlich der Körper selbst zu einem »Letztelement «, zum »Identitätskern «, an dem die Authenzität des Selbst hängt und dem die umfassende Sorge des individualisierten Subjekts um sich gebührt. « [»Privatheit im öffentlichen Raum«, S.9]

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