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Alltäglicher Umgang mit Intimität

Intime Handlungen
Bei einer intimen Tat bleibt lediglich die Entscheidung des Handelns oder Nichthandelns. Intime Handlungen können der Toilettengang sein, der Arztbesuch, das Aufsuchen eines Freudenhauses, Emotionen in der Öffentlichkeit (Trauer, Streit), aber auch Pupsen, Nasebohren, Masturbation, öffentliches Entblößen oder auch sexuelle Aktivität im allgemeinen. Man erkennt an den Beispielen, dass eine intime Handlung mit Körperlichkeit, z.B. Dinge, die in den Körper eindringen oder aus ihm austreten, sowie Körperöffnungen (1), aber auch mit Emotion zu tun hat: Ausscheidungen, Ausdünstungen, Nacktheit, Krankheit, Sex, offenes Zurschaustellung von Gefühlen (Tränen).

In manchen Dingen liegt mitunter eine unumgängliche Natürlichkeit – es ist eben nicht immer zu vermeiden, dass ein Mensch in seinem Leben nicht weinen muss (2). Der Betroffene steht in einem derartigen Moment vor der Wahl: Er weint, er unterdrückt die Tränen oder er geht an einen nicht-öffentlichen Ort, um dort unbemerkt weinen zu können.

Für die Ausübung aller intimen Handlungen gibt es eine in der Gesellschaft unformulierte Regel: Jeder macht es, keiner spricht darüber; Doch wird es notwendig eine intime Handlung vorzunehmen, dann möglichst im nicht-öffentlichen, also privaten, intimen Raum – ausgeschlossen, bzw. isoliert von der Gesellschaft.

Intime Sprechhandlungen und Tabuwörter
Diese Regel gilt auch für intime Diskussionsthemen und tabuisierte Wörter. Solche Gesprächsstoffe sind weit gefächert, von der Menstruation, dem Haarausfall, Schuppen, Sex, Mund-, Fuß- und Schweissgeruch, Herpes, unechten Zähne bis zum Toupée. Ein Leidtragender ist beschämt, muss er einer Diskussion beiwohnen, in der über eine ihn betreffende intime Angelegenheit gesprochen wird. Bei Tabuwörtern »schickt es sich nicht« diese »in den Mund zu nehmen«. Tabuwörter erleben eine Renaissance in der Umgangssprache (z.B. »Scheisse« oder »Geil«) und sie stellen ihre deutlich körperbezogene Herkunft unter Beweis, z.B. »Vagina«, »Penis« oder auch »Menstruationsblut« und »Erektion«.

Egal in wessen Gesellschaft man sich befindet, das offene, laute Aussprechen eines Tabuwortes ruft größtenteils negative Resonanz hervor und kennzeichnet denjenigen als »nicht kultiviert«, ordinär, ungebildet. Solche Tabuwörter in indiskreter Form in der Öffentlichkeit zu äußern gilt als »nicht gesellschaftsfähiges« Verhalten. Der allgemeine Umgang mit intimen Themen und Tabuwörtern in der Öffentlichkeit ist ein Nicht-Umgang, d.h. Diskussionen werden vermieden, man weicht ihnen aus, setzt sich über die verlegene Situation, bzw. intime Problematik mit Humor hinweg, verdrängt oder vergisst diese wenn es möglich ist.

Bei problematischen Intimitäten (z.B. Pilzinfektionen in der Vagina, krankhafter Mundgeruch) ist es mehr als menschlich, sie als ein von der Öffentlichkeit unbemerktes Geheimnis zu wahren. Intimitäten, die keine Schwierigkeit für die Person darstellen, können dagegen von ihr ohne Scham öffentlich preisgegeben werden.

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[1] Quelle: »Dieses kleine Stück Watte«

[2] Der Mensch ist das einzige Tier, das sich für einen Menschen hält. Thomas Niederreuther, dt. Schriftsteller

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