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Tabu (1) im übertragenen Sinne meinte Ende des 19. Jahrhunderts eine »heilige, unberührbare Sache und Unverletzlichkeit«. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wandelte sich dieser Begriff zur »konventionellen Schranke, Vorschrift, über bestimmte Dinge nicht sprechen oder bestimmte Handlungen nicht ausführen zu können (2).

Tabus können heutzutage Handlungen (z.B. Pinkeln in der Öffentlichkeit), Sprechhandlungen (bestimmte Diskussionsthemen wie Menstruation), aber auch ganze Wörter belegen (z.B. »Schwanz«). Während es bei tabuisierten Handlungen allein die absolute Entscheidung für die Tat oder dagegen gibt (»man tut es« oder »man tut es nicht«), können Sprechhandlungen und Tabuwörter mit Umschreibungen verbalisiert werden. Sprichwörtlich genommen: man »redet um den heissen Brei«.

Dieser Umweg lässt sich verbal, wie auch bildlich vollziehen. Wenn in einer Diskussion über ein Tabuwort zur Sprache kommt, wird nicht selten nach Ersatzbegriffen für den tabuisierten Ausdruck gesucht (Euphemismen (3)). Auch Gestik und Mimik werden eingesetzt, um tabuisierte Themen anzudeuten und nicht aussprechen zu müssen.

Tabuisierte Handlungen stehen in Bedingung zu tabuisierten Diskussionsthemen. »Ist eine bestimmte Handlung tabu (z.B. Trauern in der Öffentlichkeit), so ist auch das Sprechen über diese Handlung tabu.« [»Dieses kleine Stück Watte« von Renate Waschek, S.15].

Eine wichtige Eigenschaft des Tabus ist, dass die Gesellschaft gegen deren Existenz nicht öffentlich angeht – sie erachtet ein Tabu nicht als Verbot. Die Gesellschaft folgt einem inneren, selbst auferlegten Druck bei der Vermeidung eines Tabubruchs und begründet dies mit religiösen, psychologischen oder soziologisch-kulturellen, nicht wissenschaftlich begründbaren Argumenten (»Das gehört sich so.«).

Anders als beim Verletzen eines Verbotes, bspw. eines Gesetzes, ist das Brechen eines Tabus zumeist eine Schande für den Tabubrecher [»Dieses kleine Stück Watte« von Renate Waschek, S.16] – oder auch sein Ruhm. Ein Tabubruch kann skandalös sein und viel Aufmerksamkeit (4) erhalten. Tabubrecher können daher auch fragwürdige Begeisterung und sogar Fangemeinden hervorrufen. Daraus folgt, dass die Mehrheit der Personen einer Gesellschaft mit definierter Moral und festgelegten Normen, gewöhnlich das Ziel verfolgt, einen Tabubruch (ein Verstoß gegen diese gesellschaftlichen Regeln) zu meiden - will sie nicht die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf sich lenken. Die Verletzung des intimen Raumes, z.B. das Ansprechen von intimen Themen in der Öffentlichkeit, wird als Fehlverhalten verstanden und ebenfalls vermieden.

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[1] Tabu: in einigen Religionen ein religiös, magisch oder rituell begründetes und allg. respektiertes Meidungsgebot, bestimmte Gegenstände oder Personen anzurühren oder zu verletzen, gewisse Handlungen vorzunehmen, bestimmte Örtlichkeiten zu betreten, über bestimmte Dinge zu reden oder gewisse Namen auszusprechen, um ein durch übernatürl. Macht bewirktes Unheil zu vermeiden. [Brockhaus in einem Band, Brockhaus Verlag]

[2] Quelle: Wahrig, Wörterbuch der Deutschen Sprache, S.13

[3] Euphemismus: (nach griech.) Unangenehmes mit angenehmen Worten sagen, eigentlich »gut zureden«

[4] Beispiele hierfür: (a) Als Fernseh-Moderator Nils Ruf in seinen Sendungen Intimverkehr mit Barbiepuppen andeutete, stieg nicht nur die Quote seine Show, sondern auch sein Bekanntheitsgrad (b) ein junger Pole erlangte durch im Internet veröffentlichte Bildfälschungen traurige Berühmtheit als »Touristguy«: er retuschierte in ein Urlaubsfoto, dass er von sich auf dem WTC gemacht hatte, jenes herannahende Flugzeug des Terroranschlages vom 11.9.2001 hinein.
siehe Artikel, Spiegel online: »Mythos bleibt Mythos«

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